Sylvester Schneider in Süddeutsche Zeitung Magazin

 April 23, 2018

April 23, 2018

Zuhause in der Fremde
Fünf Geschichten von Reisenden, die am Ziel ihre Bestimmung fanden und dort blieben. Aus Liebe, um Menschen zu helfen oder um Manhattan einen Biergarten zu verschaffen.

Ex in the City:
Sylvester Schneider kam aus Bayern nach New York, um Musiker zu werden, heute betreibt er den beliebtesten Biergarten der Stadt – in einer Kneipe

Okay, zum Schlagzeugspielen kommt er jetzt nicht mehr so richtig. Zumindest nicht so, wie er sich das vorgestellt hat, als er in Amerika landete. 1990 wollte Sylvester Schneider, ein gut gelaunter Kerl Mitte Zwanzig aus Weßling in Oberbayern, sein Glück als Musiker ver­suchen. Er studierte am Berklee College in Boston, beste Adresse überhaupt, landete dann in New York. Der Stadt, wo es passiert. Bei ihm aber passierte erst mal: das Leben.

»Ende der Neunzigerjahre bin ich Vater geworden, zwei Kinder ganz schnell hintereinander, wir muss­ten schauen, wo wir bleiben. Mit der Musik war nicht genug zu verdienen, in New York schon gar nicht.« Und weil ihn das Heimweh umtrieb; und weil ihm das bayerische Bier so fehlte; und weil er sich so danach sehnte, endlich mal wieder in einem Biergarten zu sitzen – fasste er den irrsinnigen Entschluss, mitten in Manhattan selbst einen zu eröffnen. »War natürlich ein Schmarrn, es gibt in dieser Stadt keine Freiflächen, und wenn, dann sind sie Millionen wert.« Also wurde es ein Indoor-Biergarten im East Village, ein paar Blocks entfernt vom East River: »Zum Schneider«, im Jahr 2000 eröffnet, achtzig Sitzplätze drin, sechzig draußen, nicht ganz so groß wie der Augustiner-Garten am Münchner Hauptbahnhof, aber egal. Und die New Yorker? Crazy vor Begeisterung. Echte Maßkrüge! Wirtshausstühle! Bayerisches Bier, Oktoberfest, Lederhosen, yeah, world famous, jetzt auch hier, in New York! Awesome!

Und mittendrin dieser Mann mit dem Schnurrbart und dem breiten Grinsen, a real Bavarian, der für Stimmung sorgt, auch mal mit der großen Trommel im Lokal steht und bayerische Volkslieder singt. Es hätte nicht besser laufen können. Seit ein paar Jahren stellt Schneider jeden Herbst am Ufer des East River ein eigenes Bierzelt auf und feiert mit tausend New Yorkern Oktoberfest.

Er selbst aber lebt längst nicht mehr in Manhattan, sondern draußen in Montauk, zwei, drei Stunden Autofahrt entfernt. Eine Zeit lang hat er auch dort eine bayerische Wirtschaft betrieben, »aber das wurde zu viel. Mach deine Arbeit am einen Ort, leb dein Leben am anderen.« Heute beginnen die besten Tage für ihn mit einer Runde Surfen am Atlantik vor der Haustür. Dann fährt er rüber nach Manhattan und haut auf die Pauke.

Aber Schneider, inzwischen Mitte fünfzig, spürt, wie sehr sich Manhattan verändert. Zu viel Geld, zu wenig Originale. Er versucht jetzt, wieder etwas öfter in seine echte Heimat zu kommen. »Das Wort ›Gemütlichkeit‹ kennen sie in Manhattan alle. Aber was Gemütlichkeit wirklich ausmacht, das wissen sie nicht. Dazu muss man in Bayern unter einer Kastanie sitzen und ins Land rausschauen.« 
Text: Max Fellmann

ESSEN Beim »Schneider« gibt’s natürlich auch bayerische Küche, von Freitag bis Sonntag sogar echte Schweinshaxn. 107 Ave C/East 7th Street, New York, NY 10009

SCHLAFEN Sehr einfach, aber zentral gelegen: »St. Marks Hotel«, 2 Saint Marks Place, New York, NY 10003-8099

UNBEDINGT Vom »Schneider« aus einen Spazier-gang Richtung Süden und dann über die Williamsburg Bridge machen, rüber nach Brooklyn.

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